Wie man im Bewerbungsgespräch Schwächen thematisieren kann, ohne dabei schwach zu wirken

Wer zum Vorstellungsgespräch geladen wird, hat die erste Hürde schon geschafft. Das Interesse des Arbeitgebers ist geweckt, die fachliche Kompetenz wurde als ausreichend befunden, jetzt geht es darum, mit Persönlichkeit zu überzeugen. Der Arbeitgeber möchte nicht nur wissen, was der Bewerber kann, sondern vor allem, wie er es dieses Können im angedachten Job umsetzen kann.

Die Frage nach persönlichen Schwächen ist dabei Standard und kommt immer auf die eine oder andere Weise – entweder ganz direkt oder verpackt in: „Was könnten andere an Ihnen kritisieren?“ oder „Was würden Sie gerne an sich ändern?“ Es kann ganz schön unangenehm werden, wenn einen die Stärken-Schwächen-Frage im Bewerbungsgespräch unvorbereitet trifft. Deshalb lohnt es sich, schon vorab genau zu überlegen, wie man damit umgeht.

Besonders gern redet wohl niemand über seine weniger schokoladigen Seiten: Als talentierter Hoffnungsträger des Unternehmens, randvoll mit Bildung, Selbstbewusstsein und Tatendrang – möchte man ja nicht unbedingt sämtliche negativen Eigenschaften vor den zukünftigen Vorgesetzten ausbreiten. Wer allerdings nur über Stärken und Fähigkeiten spricht, riskiert, als sich maßlos überschätzender Selbstdarsteller aussortiert zu werden. Es bringt nichts, ein unrealistisch glanzvolles Bild von sich zu zeichnen, das man ohnehin – sollte man den Job bekommen – nicht aufrechterhalten kann. Wie kann man also über Stärken und Schwächen reden, ohne sich selbst auf die eine oder andere Weise ins Aus zu schießen?

Ich kann nur über mich sprechen: Mein erstes Bewerbungsgespräch war eine Katastrophe. Die Frage nach den Schwächen habe ich nach längerem Herumdrucksen mit „Morgenmuffel“ beantwortet (peinlich!). Mittlerweile kann ich locker einen 20-minütigen Vortrag über meine Schwächen halten und am Ende immer noch kompetent und selbstbewusst dastehen. Zum einen, weil ich schon einige Jahre mit mir verbracht habe und mich in den unterschiedlichsten Situationen kennenlernen durfte. Ich weiß genau, was mir gut tut und was nicht, unter welchen Voraussetzungen ich Höchstleistung bringen kann, welches Maß an Herausforderung ich brauche, um über ich hinauszuwachsen, und bei welchen Situationen ich tatsächlich passen muss.

Zum anderen habe ich mich intensiv mit den unterschiedlichen Ansätzen der Persönlichkeitsanalyse beschäftigt und habe meine eigenen Ergebnisse als Gedankenanstöße gerne angenommen. Dabei ist zu bemerken, dass kein Persönlichkeitstest dieser Welt Menschen in ihrer ganzen Bandbreite, mit all ihren Facetten erfassen kann. Keiner wird sagen können: „So bist du“. Auch wenn die Ergebnisse oft erstaunlich vielschichtig sind: Sie spiegeln lediglich das wider, was man über sich selbst aussagt und verknüpfen es mit Eigenschaften, die statistisch gesehen damit in Zusammenhang stehen. Die Aussagen können aber durchaus eine wertvolle Anregung sein, sich aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, seine Eigenschaften, Verhaltensweisen und Muster zu hinterfragen und sich auf diese Weise selbst ganz neu zu entdecken.

Würde ich heute noch einmal vorsprechen, könnte ich ganz konkret erklären, worin meine Schwächen liegen, wie ich damit umgehe und welche unter Umständen sogar besondere Stärken mit sich bringen.

Ein Bewerbungsgespräch ist alles andere als eine alltägliche Situation. Die wenigsten sind es gewohnt, in dieser Form über sich selbst zu sprechen, und nicht zuletzt braucht es auch das richtige Vokabular dafür. Allein die Formulierungen können helfen, sich selbst – die eigenen Eigenschaften in Worte zu fassen. myTYPE liefert klare, kompakte Aussagen zu Arbeitsweise, Prioritäten, dem eigenen Platz in einer Gruppe sowie Stress- und Konfliktverhalten.

Die Frage nach persönlichen Schwächen ist die Chance, als reflektierte und kritikfähige Persönlichkeit Eindruck zu hinterlassen.

TIPPS

  • Schildern Sie, was genau bei Ihnen Stress verursacht (zB Konflikte, Zeitdruck, unklare Anweisungen, …) und zugleich, wie Sie gelernt haben, damit umzugehen.
  • Relativieren erlaubt: Erklären Sie, unter welchen Umständen sich Ihre Schwäche zeigt (zB vor großem Publikum, bei zu kurz- oder zu langfristigen Zielvorgaben, …). So hat der Arbeitgeber Gelegenheit zu überlegen, ob solche Umstände zu vermeiden sind.
  • Offenheit kommt an, aber: Überlegen Sie sich genau, WAS Sie preisgeben. Die genannten Schwächen sollten keinesfalls Berührungspunkte mit den Soft Skills-Anforderungen des Jobs aufweisen (z.B. Menschenscheu im Verkauf oder Service, Orientierungssinn als Taxifahrer, …) In dem Fall sollten Sie sich zudem die Frage stellen, ob der Job wirklich das Richtige für Sie ist.
  • Keine Schafe im Wolfspelz präsentieren: Wer kein Augenrollen ernten möchte, sollte auf „Schwächen“ wie Perfektionist oder Workaholic verzichten.
  • Versuchen Sie nicht, witzig zu sein: „Schwäche für schöne Frauen“ und Ähnliches ist nicht witzig.
  • Und zum Abschluss: Halten Sie sich immer vor Augen, dass es nicht das Ansinnen des Gegenübers ist, Sie mit der Frage nach Schwächen in Bedrängnis zu bringen. Primär geht es darum, festzustellen, ob Sie zur Selbstreflexion fähig sind und sich mit den eigenen Schwächen auseinandergesetzt haben. Der Arbeitgeber möchte einschätzen können, was Sie brauchen, wo, wie und in welcher Konstellation Sie gut aufgehoben sind, sodass Ihre Kompetenzen bestmöglich zum Einsatz gebracht und genutzt werden können. Es gehört abgeklärt, ob es für beide Seiten passt. Insofern ist es im beiderseitigen Interesse, bereits im Vorfeld offen über Schwächen zu sprechen.